Missbraucht und missverstanden – der schwere Stand der Schöpfungsgeschichte

4–5 Minuten

In den kommenden Wochen will ich mich mit meinem Blog einer biblischen Geschichte widmen, die in meinen Augen so missverstanden, fehlinterpretiert und inhaltlich missbraucht wurde, wie es nur möglich ist. Und leider wird sie das noch immer. Seit jeher dient sie als Argument konservativer Familienpolitik, binärer Geschlechtervorstellungen und dem Aufrechterhalten des Patriarchats. Sie wird verwendet, um wissenschaftliche Diskurse zu verhindern, rechtfertigt die Ausbeutung unseres Planeten und brandmarkt den Menschen als Böse. Ich spreche von der biblischen Schöpfungsgeschichte. Dem Mythos, der ganz am Anfang der Bibel zu finden ist.

Gott schafft die Welt in sieben Tagen, erschafft Mann und Frau und gibt der Frau die Aufgabe dem Mann zu dienen. Sie sollen über die Erde herrschen und verfallen am Ende dem Verlangen der Schlange eine verbotene Frucht zu essen. Gerade diese literarische Herangehensweise hat mir den Zugang zu dieser Geschichte jahrelang verwehrt. Wer sie wörtlich liest, verweigert sich allzu oft jeglicher Debatte über Evolution, Feminismus, Humanismus oder des Klimaschutzes. Folglich tat ich mich jahrelang mit der Geschichte schwer. Allerdings bietet die Geschichte, wenn man sich tiefer mit ihr auseinandersetzt, soviel mehr! Glaubt mir; sie sorgt gar für die eine oder andere progressive Überraschung. Ich bin mir sicher, auch einige meiner Leserinnen und Leser kennen diese ablehnende Haltung gegenüber der Schöpfungsgeschichte. Aus diesem Grund folgt eine Beitragsreihe dazu. Begonnen mit der Grundlage, thematisieren wir Geschlechtervorstellungen, Antirassismus und den Dualismus und hauchen der so missverstandenen Geschichte neue Tiefe ein. Seid gespannt und folgt mir, um die Beiträge nicht zu verpassen. Legen wir los!

Foto von Alexander Andrews auf Unsplash

Grundlagen für die Grundlage

Die Schöpfungsgeschichte ist gewissermassen ein Fundament der drei semitischen Weltreligionen: Judentum, Islam und Christentum. Sie bildet in allen drei Religionen eine Basis und definiert viele wichtige Grundsätze. Sie schafft für die Kulturen des Christentums, Islams und Judentums eine Identität. Gerade deshalb ist es in meinen Augen wichtig, die Geschichte nicht einfach links liegen zu lassen. Dabei ist wichtig zu betonen, dass die Autorinnen und Autoren der Geschichte niemals die Absicht verfolgten einen Bericht zur Entstehung der Welt zu verfassen. Vielmehr verfassten sie eine lyrisch-poetische Geschichte. Man spricht also besser von der Schöpfungsgeschichte oder Schöpfungsmythos als vom Schöpfungsbericht. Im alten Orient waren Schöpfungsmythen eine verbreitete und bekannte Textgattung, die das Ziel verfolgte, Identität zu stiften und theologische Orientierung zu bieten, ohne eine Naturbeschreibung zu liefern. Gerade im hebräischen Urtext lässt sich die poetische Dimension des Textes gut erkennen. Durch die Tatsache, dass Schöpfungsmythen als Textgattung weitverbreitet waren und Identität stiften wollten ist es gewinnbringender, sie mit anderen solchen Geschichten zu vergleichen.

Unterscheidung schafft Identität

Wirklich interessant wird die Schöpfungsgeschichte, wenn man sie mit anderen altorientalischen Schöpfungsmythen vergleicht und daraus Unterschiede feststellt. Gerade diese Unterschiede sind es, die Identität bei den Leserinnen und Lesern stiften will. Hier einmal vier Vergleiche mit dem babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elish. Die Gegenüberstellung ist fast so aussagekräftig, dass sich mein Fazit beinahe erübrigen könnte und zeigt eindeutig die Kritik an hierarchisch machtzentrierten Götterbildern:

BibelgeschichteEnuma ElishFazit
Da sprach Gott: »Licht werde«, und Licht wurde. (Genesis 1,3)„Er spaltete Tiamat in zwei Hälften wie einen getrockneten Fisch.“
(Tafel IV)
Gott schafft die Welt ohne Gewalt und Kampf, sondern mit Wort. Ruhig und gewaltlos.
Gott machte die zwei großen Lichter, das größere Licht zur Herrschaft über den Tag, das kleinere Licht zur Herrschaft über die Nacht, dazu die Sterne. (Genesis 1,16)„Er schuf die Stationen der großen Götter. Er setzte sie als Sterne an den Himmel.“
(Tafel V)
Die biblische Geschichte betont den Monotheismus. Sonne, Mond und Sterne sind keine Götter. Gott hat keine göttlichen Rivalitäten, sondern ist souverän.
Da sprach Gott: »Wir wollen Menschen machen – als unser Bild, etwa in unserer Gestalt. Sie sollen niederzwingen die Fische des Meeres, die Flugtiere des Himmels, das Vieh, die ganze Erde, alle Kriechtiere, die auf dem Boden kriechen.«
(Genesis 1,26)
„Aus Tiamats Blut erschaffe ich Menschen, damit sie die Arbeit der Götter verrichten.“
(Tafel VI)
Gott schafft den Menschen als Gottes Ebenbild und nicht als Sklaven zum Erbringen der Opfer.
Auch allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels, allem, was auf der Erde kriecht, was immer mit einer °Kehle lebt, soll alles grüne Gewächs als Nahrung dienen.« So geschah es.
(Genesis 1,30)
 „Damit die Götter Ruhe finden, erschuf er den Menschen.“
(Tafel VI)
Gott schafft die Welt als eine gute und solide Grundlage. Es hat von allem genug. Der Mensch muss nicht ums Überleben betteln oder kämpfen.

Diese Unterscheidungen sollen den Leserinnen und Lesern genau die Identität und Grundlage für ihr Gottesbild schaffen. Man kann also sagen, die Geschichte zeigt, dass Gott den Menschen Würde schenkt, keine Gewalt benötigt, um etwas zu erschaffen und den Menschen zugewannt ist beziehungsweise ihnen alle benötigten Grundlagen zur Verfügung stellt. Eine weitaus tiefere Bedeutung als der Auffassung, die Welt sei einfach in sieben Tagen entstanden. Wenn wir uns in den kommenden Wochen anderen Themen der Geschichte widmen dürfen wir diese Grundlage nicht vergessen.

Zusammenfassung

Die biblische Schöpfungsgeschichte ist genau das: Eine Geschichte. Sie hat keinerlei Intention einen wissenschaftlichen Bericht über die Entstehung der Welt zu liefern und wurde von den Autorinnen und Autoren auch nicht so verstanden. Vielmehr soll sie ein Gottesbild und Identität vermitteln. Sie liefert eine Weltdeutung, keine Welterklärung.


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Eine Antwort zu „Missbraucht und missverstanden – der schwere Stand der Schöpfungsgeschichte”.

  1. […] nicht gelesen habt, empfehle ich euch diesen ebenfalls zu lesen. Ihr findet den direkten Link dazu hier. Legen wir […]

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