Die unchristliche Migrationspolitik

4–6 Minuten

Die heutige Migrationsdebatte

Die Debatte in der Migrationspolitik läuft heiss. Der Ton hat sich merklich verschärft und die Positionen driften zunehmend nach Rechts. Die rechtspopulistischen Strömungen haben es geschafft den Diskurs zu verschieben und Haltungen in die Mitte der Gesellschaft zu bringen die zuvor undenkbar gewesen wären. Selbst vermeintlich linke Parteien wie die SPD fordern härtere Massnahmen bei Ausschaffungen und strikte Kontingente bei den Aufnahmen. Auch christliche Parteien ziehen mit und prägen dadurch eine unmenschlich und unchristliche Haltung gegenüber geflüchteten. Die Bibel zeichnet ein anderes Bild im Umgang mit «dem Fremden».

Grundsatz in der jüdischen Bibel

Die israelitische Gesetzgebung hat einen klaren Grundsatz im Umgang mit Fremden. Geprägt durch die Erfahrungen der Fremde in Ägypten weiss das israelitische Volk in ihrer Gründungszeit, was es heisst als Fremde in einer Gesellschaft missachtet zu werden. Die Gesetzgebung räumt den Fremden, anders als andere Gesellschaften dieser Zeit, Rechte zu. So gilt beispielsweise der Sabbat, also der Ruhetag, auch den Ausländerinnen und Ausländern. Nicht nur der israelitischen Bevölkerung.

Der siebente Tag ist ein Ruhetag, er gehört Ihr, deiner Gottheit. Da soll niemand der Arbeit nachgehen, du nicht, dein Sohn und deine Tochter nicht, dein Sklave und deine Sklavin nicht, dein Vieh nicht, und auch nicht der Ausländer oder die Ausländerin in deiner Stadt.

Exodus, 20, 10; Bibel in gerechter Sprache

Die israelitische Bevölkerung wird immer wieder daran erinnert, dass auch sie selbst einst Fremde gewesen sind als sie noch in Ägypten gelebt haben. Diese Solidarität und Empathie mit Fremden ist gewissermassen die Grundhaltung im Umgang mit Fremden.

Ihr sollt die Fremden lieben, denn auch ihr seid in Ägypten Fremde gewesen.

Deuteronomium, 10, 19; Bibel in gerechter Sprache

Sodom und Gomorrha – Hass auf Fremdlinge

Die Solidarität Gottes mit Geflüchteten beginnt aber nicht erst in der Staatszeit Israels. Bereits früh wird klar, dass Gott wenig Verständnis für Fremdenfeindlichkeit hat. Das zeigt sich in einer bekannten Geschichte: Der Geschichte von Sodom und Gomorrha. Lot lebt mit seiner Familie in der Stadt Sodom. Als dieser von zwei Fremden besucht wird, kommt es zum Eklat. Die Einheimischen wollen die beiden Männer vergewaltigen und fordern, dass dieser die beiden herausgibt.

Bevor sie sich hinlegen konnten, da umzingelten die Männer der Stadt, die Männer von Sodom, das Haus, vom Halbwüchsigen bis zum Greis, die ganze Volksmenge, aus jedem Winkel. Sie riefen Lot und sagten zu ihm: »Wo sind die Leute, die heute Nacht zu dir gekommen sind? Bring sie zu uns heraus, sie sollen uns kennen lernen!« Da ging Lot zu ihnen hinaus, stellte sich in den Eingang, verschloss aber die Tür hinter sich und sagte: »Bitte nicht, meine Brüder, begeht kein Verbrechen. Schaut, ich habe zwei Töchter, die von keinem Mann wissen, die werde ich zu euch hinausbringen, macht mit ihnen, was ihr für gut haltet. Nur diesen Leuten tut nichts, denn dazu sind sie in den Schutzraum meines Daches gekommen.« Sie sagten: »Scher dich da weg!« Sie sagten: »Kommt da ein Einzelner als Fremder her und will gleich sagen, was Recht ist. Jetzt wollen wir dir Schlimmeres antun als ihnen.« Sie drangen auf den Mann heftig ein, auf Lot, sie kamen heran, wollten die Tür aufbrechen.

Genesis, 19, 4 – 9; Bibel in gerechter Sprache

Sodom wird daraufhin von Gott verurteilt und vernichtet.

Es gibt christliche Gruppen, die nach wie vor behaupten, dass die Sünde Sodoms sexueller Natur sei. Dann müsste allerdings erklärt werden können, warum Lot in der Geschichte seine beiden Töchter anbietet. Ein ist ein grosser Teil der Theologinnen und Theologen vertritt die Ansicht, dass Sodoms Vergehen anderer Natur ist. Sodom bricht die Gastfreundschaft in einem ungeahnten Umfang. Der Bruch dieser Gastfreundschaft und die Respektlosigkeit gegenüber Fremden ist es, was zu Sodoms Untergang führt. Bereits in den ältesten biblischen Geschichten wird klar, Gastfreundschaft und Offenheit sind zentrale biblische Werte.

Jesus als Geflüchteter

Auch in der christlichen Bibel wird von Flucht gesprochen. Selbst über Jesus wird berichtet, dass er in seiner Kindheit mit seiner Familie nach Ägypten fliehen musste.

Kaum waren sie aufgebrochen, seht, da erscheint Adonajs Engel dem Josef im Traum und sagt: »Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir etwas anderes sage. Denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.«

Matthäus, 2, 12; Bibel in gerechter Sprache

Ob diese Flucht so tatsächlich passiert ist, können wir nicht sagen. Allerdings bleibt die Symbolik dahinter dieselbe. Gott selbst erlebt Flucht. Jesus selbst kennt die Erfahrung der Fremde am eigenen Leib und kennt die Umstände, die eine Flucht mit sich bringt. Vielleicht ist es auch diese Erfahrung, die Jesus für das Leiden anderer sensibilisiert und uns als Christinnen und Christen mitgeben will denn:

Dann wird die königliche Person denen zur Rechten sagen: ›Kommt heran, ihr Gesegneten Gottes, Vater und Mutter für mich; ihr werdet in der Welt Gottes leben, die von Anfang der Welt an für euch geschaffen wurde. Ich war hungrig, ihr gabt mir zu essen; ich war durstig, ihr gabt mir Wasser; ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. Ich war nackt, ihr habt mich gekleidet; ich war krank, ihr habt mich gepflegt; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.

Matthäus 25, 34 – 36; Bibel in gerechter Sprache

Gastfreundschaft gegenüber Fremden ist auch bei Jesus eine wichtige Haltung.

Und heute?

Heute fordern wir wieder, dass Fremde an unseren Grenzen abgewiesen, im Mittelmeer zurückgedrängt werden sollen. Wir fordern, dass Hunger als Fluchtgrund unzureichend sei. Weiter weg vom biblischen Ideal könnte unsere, ach so christliche, Politik nicht sein. Unsere heutige Migrationspolitik gleicht der Fremdenfeindlichkeit Sodoms. Der Instagram-kanal afd-aber-ehrlich bringt es ironisch in der Caption eines Posts auf den Punkt:

Stell dir vor: Die Bibel hat recht und Jesus kommt zurück. Wenn ihn Frontex nicht erwischt, dann aber bestimmt Merz, Spahn oder Linnemann.


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Eine Antwort zu „Die unchristliche Migrationspolitik”.

  1. Avatar von eclecticecb007d154
    eclecticecb007d154

    Ich finde, die Geschichte von Lot zeigt leider ein schockierendes Beispiel von irrationaler „Gastfreundschaft“: Um seine Gäste zu schützen erwägt er seine eigenen Töchter dem Mob auszuliefern. Als wären sie sein Eigentum, das er für seine Gäste opfert. Gruselig.
    Unvorstellbar, wie seine Idee in diesem Zusammenhang quasi unkommentiert als Selbstverständlichkeit durchgeht und Lot weiterhin als der Gerechte angesehen wird, der aus Sodom gerettet werden muss.
    Und leider kann diese Bibelstelle damit auch eine Steilvorlage für rechtsextreme Argumentationen werden, Gastfreundschaft zu verweigern.
    Zum Glück hatten die Engel damals noch einen besseren Ausweg parat. Könnten wir jetzt gut gebrauchen.

    Gefällt 1 Person

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