Reich Gottes – Kein Privileg einer religiösen Gruppe

3–5 Minuten

Lange ist es her seit ich hier meinen Gedanken und Ansichten Platz verschaffen habe. Einerseits waren Sommerferien, anderseits gab es privat viel, worum ich mich kümmern musste. Jetzt kommt endlich wieder ein Beitrag. Ausschlaggebend für diesen Beitrag war ein Gemeindewochenende zum Thema «Reich Gottes». Die Kirchgemeinde, die dieses Wochenende geplant und organisiert hat ist eher pietistisch geprägt, was mir sehr Sorgen bereitete. Gerade einem so wichtigen und politischen Thema wie dem Reich Gottes wird in meinen Augen in evangelikal geprägten Kreisen aus einer falschen Motivation heraus Rechnung getragen. So war es dann grösstenteils auch. Für pietistische Gläubige wird das Reich Gottes oft als Zukunftsaussicht in der Ewigkeit dargestellt, zu welcher grundsätzlich nur gläubige Christ*innen Zugang erhalten. Das Reich Gottes ist demnach die Ewigkeit, zu welchem nur bekehrte und entschiedene Christ*innen gehören. Bis dies erreicht ist bilden christliche Gemeinden ein Bild des Reich Gottes auf Erden. Die Aussage «wir müssen Reich Gottes bauen» ist also nichts anderes, als ein Synonym für die Mission und Evangelisation. Das Reich Gottes wird ihrer Meinung nach erst dann vollständig auf Erden erwirkt sein, wenn Gott selbst die Herrschaft übernimmt und im grossen Gericht Gläubige von Ungläubigen trennt. Diese Darstellungen haben meiner Ansicht nach viele problematische Punkte an sich die ich hier gerne aufzeigen will.

Foto von Church of the King auf Unsplash

Reich Gottes in der Zukunft

In erster Linie wird mit der Haltung der Standpunkt vertreten, Reich Gottes sei der Zustand in der Ewigkeit. Im alltäglichen Sprachgebrauch hört man oft die Phrase: «Wenn wir im Himmel sind». Dabei wird von Jesus selbst betont, dass das Reich Gottes nicht erst kommt, sondern schon da ist. Im Matthäusevangelium, Kapitel 3, Vers 2 erzählt Jesus seinen Jünger*innen, dass das Reich Gottes «nahe herbeigekommen» ist. Im griechischen verwendet Jesus das Wort ἤγγικεν (ēngiken) dieses Wort beschreibt eine Dynamik und keine Zukunftsaussicht. Siegfried Zimmer erklärt den Begriff in einer Vorlesung folgendermassen: Ein Zug, welcher am Bahnhof einfährt, die Räder aber noch nicht stillstehen. Eigentlich ist der Zug schon da, aber halt noch nicht ganz. Zudem entgegnet Jesus den Pharisäer*innen im Lukasevangelium, 17. Kapitel, dass das Reich Gottes schon mitten unter ihnen ist. Es ist also Gegenwärtig und keine Vorstellung der Zukunft.

»Kehrt um! Das Königtum der Himmel, Gott, ist nahe.»

Mt, 3,2 Bibel in gerechter Sprache

Reich Gottes nur für die Gläubigen

Gerade auch der eben erwähnte Dialog mit den Pharisäer*innen macht etwas ganz deutlich: Reich Gottes ist nicht nur für Christ*innen eine Utopie. Jesus wird von der religiösen Elite gefragt und inhaltlich herausgefordert. Dabei glauben diese keinesfalls daran, dass Jesus Gottes Sohn ist. Und trotzdem antwortet er ihnen, dass das Reich Gottes mitten unter ihnen sei.

Gefragt von Pharisäern und Pharisäerinnen, wann die Königsmacht Gottes komme, antwortete er ihnen: »Die Königsmacht Gottes kommt nicht auf beobachtbare Weise, noch werden die Leute zu euch sagen: ›Seht, da oder dort drüben.‹ Merkt: die Königsmacht Gottes ist nämlich mitten unter euch!«

Lk, 17, 20 – 21 Bibel in gerechter Sprache

Gerade bei einer theologischen Gruppe, die in manchen Punkten den Lehren Jesu widerspricht, ist das Reich Gottes ebenfalls präsent. Es macht also keineswegs Halt vor Religiösen Ansichten und Prägungen. Eine weitere starke Aussage findet sich in den Seligpreisungen. Die erste Seligpreisung richtet sich an die Armen. Gerade ihnen, den Armen, wird das Reich Gottes anvertraut.  

Er richtete seinen Blick auf seine Jüngerinnen und Jünger und sprach: »Glücklich seid ihr Armen, denn die Königsmacht Gottes ist auf eurer Seite!

Lk, 6,20 Bibel in gerechter Sprache

Da stellt sich mir durchaus die Frage, warum Jesus nicht deutlichere Worte wählt, wenn das Reich Gottes die Ewigkeit der Gläubigen darstellen sollte. Ich bin überzeugt, dass aus einem bestimmten Grund Solidarität mit den Armen wichtiger ist als die Religiöse Überzeugung.

Das Gericht Gottes – kein Grund zur Sorge

Die dritte und letzte Aussage, welcher ich nur zu gerne widerspreche, ist die Erwartung an ein Gericht Gottes. Nach pietistischer und evangelikaler Auffassung wird in diesem Gericht die Spreu vom Weizen getrennt und so das ewige Reich Gottes in Kraft treten. Dabei wird vergessen, was man unter dem Gericht Gottes verstehen sollte. Das Gericht ist keine Bestrafung derer die nicht an Gott glauben. Es ist eine heilsame Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Im göttlichen Gericht wird nicht bestraft, sondern wiederhergestellt was zerbrochen ist. Im göttlichen Gericht wird all jenen zu Gerechtigkeit verholfen werden, die sie selbst nie erlebt haben. Und ja, die Vorstellung eines heilsamen Prozesses zur Gerechtigkeit wird in meinen Augen zu Reich Gottes führen, allerdings ohne die Bestrafung und Verurteilung Ungläubiger.

Und was ist denn jetzt «Reich Gottes»?

Der Darstellung was ich; und nebenbei viele andere; unter Reich Gottes verstehen widme ich einen weiteren Blogpost, welcher nächste Woche erscheint. Aber so viel kann ich verraten: Die Seligpreisungen, die Gerechtigkeit und das Ideal einer hierarchiefreien Gesellschaft werden zentral sein.


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