Es gibt wahrscheinlich niemanden auf der Welt, der «Gerechtigkeit» als etwas betrachtet, dass man ablehnen müsste. Zumindest glaube ich keinen solche Menschen zu kennen. Viele stimmen mir zu, dass die Gerechtigkeit etwas Erstrebenswertes ist. Doch was ist diese Gerechtigkeit, und warum ist sie paradoxerweise oft selbst ungerecht?

Gerechtigkeit ist laut Duden:
«Das Prinzip eines staatlichen oder gesellschaftlichen Verhaltens, das jedem gleichermaßen sein Recht gewährt»
Zudem zählt der Duden Wörter wie Fairness, Unparteilichkeit oder Objektivität zu den Synonymen. Obwohl diese Begriffe bei vielen von uns in der Alltagssprache Verwendung finden und bekannt sind, ist die Darstellung des Duden in meinen Augen zu einseitig. Es wird das Bild der ausgleichenden Gerechtigkeit vermittelt. Die Erläuterungen erinnern beispielsweise an das Rechtswesen oder das Gericht. Sinnbildlich wird die Gerechtigkeit noch heute in der Form der griechischen Göttin Justitia dargestellt. Vorurteilsfrei mit verschlossenen Augen wägt sie das Ungerechte mit der Waage in der einen Hand und bringt mit dem Schwert in der anderen Hand die Gerechtigkeit. Alle bekommen bei der Justitia, was sie verdienen. Nicht ohne Grund nennen wir heute unser Rechtswesen «die Justiz».
Blöd nur, dass dieses Rechtswesen auch Mängel kennt. Sie kann nur Gerechtigkeit verüben, wo es Gesetze zum daran Messen gibt. Was geltendes Gesetz ist, ist geltendes Recht und daher Gerechtigkeit. Frauen kannten viele Jahre lang kein Stimm- und Wahlrecht, obwohl Männer dieses hatten. Alles durch Gesetze legitimiert. Frauen nicht wählen lassen galt daher als gerecht. So kennen wir es noch heute. Reiche Menschen können sich teurere Anwälte leisten und gewinnen bei einem Rechtsstreit. Selbst dann, wenn unsere Vorstellung was gerecht wäre, anders entschieden hätte. Grosse Unternehmen kommen sogar mit Brüchen der Menschenrechte durch oder zahlen die Strafe direkt aus der Portokasse. Wo sich die vermeintliche Gerechtigkeit als ungerecht darstellt ist der Mehrheit meist erst nach einem langen und ermüdenden Kampf bewusst. Die blinden Flecken sind möglicherweise enorm. Gerechtigkeit muss gefordert werden. Sie ist nicht einfach vorhanden. Gelegentlich wird dieser Prozess als «Kampf für soziale Gerechtigkeit» bezeichnet. Ab hier wird es nun spannend, was die jüdisch-christliche Tradition zur Gerechtigkeit zu sagen weiss.
Eine kurze Geschichte dazu vornweg: Zurzeit spiele ich begeistert die «Assassins Creed» Spielereihe. Aktuell die Variante «Origins». Es spielt in der Zeit Kleopatras, Ägypten leidet unter den Ptolemäern. Gerade die einfache Bevölkerung; Bauern, Handwerkerinnen; die Unterschicht halt. Diese wird von der Obrigkeit unterdrückt. Als ägyptischer Assassine kämpft man gegen diese Herrschaft, um so Ägypten «zur Gerechtigkeit zu helfen». Doch was hat dieser Kampf gegen die Mächtigen für die Befreiung der Unterdrückten mit «Gerechtigkeit» zu tun? Wo bitte wird da jetzt abgewogen, um vielleicht Gründe zu finden, welche die Lage der Bevölkerung rechtfertigen könnte? Vielleicht haben sie ihre miserable Lage ja verdient und es gibt entsprechende Gesetze? Zugegeben, mit der Gerechtigkeit der Justitia hat das wenig zu tun. Mit der biblischen allerdings viel.
Im hebräischen wird für die Gerechtigkeit das Wort צְדָקָה (zedakah) verwendet. Anders als beim Vorbild der Justitia beschreibt zedakah kein Ideal. Es beschreibt eine Handlung, ein Tun. Gerecht ist, was etwas in Unordnung oder Unrecht Gefallenes wieder herstellt. Dabei ist es zweitrangig, ob das Unrecht selbstverschuldet und in gewisser Weise «fair» ist. Es ist dabei sogar zweitrangig, ob von den Unterdrückten alle Gesetze eingehalten wurden. Es zählt einzig die Frage, ob das gerechte Handeln der Gesellschaft und Gemeinschaft dient. Gerade der Kampf gegen Armut, Ausbeutung und Unterdrückung wird in der Bibel als «gerecht» beschrieben. Die Solidarität mit Witwen, Waisen und Fremden ist das wohl bekannteste Bild für diese Gerechtigkeit. Wer sich tiefer in die hebräische Vorstellung der Gerechtigkeit vertiefen möchte, empfehle ich den Artikel Gerechtigkeit von Norbert Mette auf wibilex.com.
Bist du etwa König, um mit Zedernholz zu protzen? Hat dein Vater nicht auch gegessen und getrunken und trotzdem Recht und Gerechtigkeit geübt? Und es ging ihm gut. Er verhalf dem Recht der Schwachen und Armen zum Sieg. – Das war gut! – Bedeutet dies nicht, mich zu kennen? – so Gottes Spruch. Aber deine Augen und dein Sinn sind allein auf deinen Gewinn gerichtet, auf das Vergießen von unschuldigem Blut und auf das Betreiben von Unterdrückung und Erpressung.
Jeremia, 22, 15-17
Es erstaunt wenig, dass gerade die Prophetinnen und Propheten dort auftreten, wo dieses gerechte Handeln für die Unterdrückten fehlt. Biblische Gerechtigkeit entspricht in unserer heutigen Gesellschaft mehr dem Ruf nach sozialer Gerechtigkeit oder Gendergerechtigkeit und weniger dem Rechtsspruch der Justiz.

Der Ursprung dieser Gerechtigkeit liegt in der Exodus-Geschichte. Gott befreit ein Volk von Verstossenen aus der Sklaverei und dem Elend. Und sie zieht sich weiter durch die ganze Bibel. In der Einleitung zur Bibel in gerechter Sprache, die versucht genau diese Form der Gerechtigkeit in der Bibel sichtbar zu machen, beschreibt es Frank Crüsemann mit folgenden Worten:
Gerechtigkeit ist der rote Faden, der durch die gesamte Bibel führt und ihre Vielfalt zusammenhält.
Hebräische Gerechtigkeit und damit die Gerechtigkeit der jüdisch-christlichen Tradition ist nicht fair und sie ist auch nicht unparteiisch. Sie orientiert sich am Leid der Schwachen und Verstossenen. Sie behandelt nicht alle gleich. In der hebräischen Gerechtigkeit bekommen nicht alle das, was sie verdienen, sondern das was sie brauchen. Ich bin überzeugt; wir brauchen eine gerechtere Welt, eine gerechtere Gesellschaft. Wir brauchen aber keine Gerechtigkeit mit mehr Gesetzen und Justiz. Vielmehr brauchen wir eine gerechte Gesellschaft, die das Leid der Menschen sieht und an der Wurzel bekämpft. Eine Gerechtigkeit, die sich mit Leidenden solidarisiert. Kurz: Mehr soziale Gerechtigkeit wie die zedakah und nicht wie die Justitia.
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