Eine kurze Apologetik des progressiven Christentums

3–5 Minuten

Progressiv glauben bedeutet der Überzeugung zu sein, dass sich eigene Glaubensvorstellungen, Gottesbilder und Überzeugungen mit der Zeit weiterentwickeln. Oft beschränkt sich diese Haltung nicht nur auf christliche, sondern auch auf gesellschaftliche Werte. Wer sich als progressiver Christ oder progressive Christin bezeichnet, erlebt oft Anfeindung. Meist sogar von eigenen Glaubensgeschwistern. Aber hat diese Kritik Hand und Fuss? Ich glaube nicht und begebe mich in diesem Beitrag auf eine Reise in eine altbekannte christliche Tradition; die Apologetik. Ich versuche mit sachlichen Argumenten progressives Christentum zu verteidigen und Antworten auf kritische Stimmen zu geben.

Foto von Jason Blackeye auf Unsplash

Zwischen Schwarz und Weiss

Progressive Christinnen und Christen kommen immer wieder in die Situation den eigenen Glauben verteidigen zu müssen. Gegenüber konservativen und evangelikalen Christinnen und Christen, aber auch gegenüber der säkularisierten Gesellschaft. Ich selbst erlebte es wiederholt, dass mir in freikirchlichen Kreisen der eigene Glaube abgesprochen wird. Ich würde «nicht richtig» oder «zu wenig überzeugt» glauben. In säkularisierten Kreisen, in meinem Umfeld die politisch Linken Bewegungen, hingegen werde ich als «fromm» bezeichnet und belächelt. Ich gelte fast schon als naiv, wenn ich an eine uralte Wüstengeschichte glaube, die vor mehreren tausend Jahren passiert sein soll. Ich kann verstehen, dass viele unter dieser Spannung leiden. Das Gefühl nirgends dazuzugehören, belastet sicherlich viele progressive Christinnen und Christen. In dieser Spannung liegt aber auch ein erstes zentrales Argument für den progressiven Glauben. Seit jeher bekämpft die jüdisch-christliche Tradition das dualistische Weltbild. In der Bibel gibt es nicht einfach «gut» und «böse». Auch wenn das Böse im Menschen und der Welt eine Realität ist, ist es doch keine gleichwertige Kraft gegenüber Gott. Sie ist immer zweitrangig. Unsere Welt und die Menschen darin suchen aber oft genau diesen Dualismus. Sie versuchen die Welt in «schwarz» und «weiss» einzuteilen. Progressives Christentum bewegt sich zwischen solchen Kategorien. Für Evangelikale ist alles weltliche, für politische Linke hingegen das Religiöse negativ. Progressives Christentum schafft es sich in beiden Welten zu bewegen und profitiert von beiden Seiten. Es kann dadurch sowohl das Christentum wie auch die Politik und die Gesellschaft positiv prägen und sich durch gutes beider Seiten prägenlassen.

doch prüft alles und behaltet das Gute.

1. Thessalonicher, 5.21

Theologisch fundierte Haltungen

Progressivem Christentum wird oft vorgeworfen, die Bibel als Glaubensgrundlage nicht ernst zu nehmen. Man würde sich den eigenen Glauben nach Wunsch und Laune zurechtlegen. Gerade bei ethischen Diskussionen, nicht selten Sexualethischen, kommen viele progressive Christinnen und Christen zu Standpunkten, welche Evangelikale ablehnen. Queer-sein ist mit dem Glauben vereinbar und kein Problem, Geschlechterrollen werden hinterfragt und das Miteinander mit anderen Religionen ist wichtiger als das Missionieren. Dabei ist nicht der Glaube an Gott was progressive Christinnen und Christen von Evangelikalen unterscheidet. Vielmehr ist es das Schriftverständnis. Die Bibel wird in evangelikalen Glaubensgruppen literarisch, also wortwörtlich verstanden. Im progressiven Christentum hingegen lässt man im Bibelverständnis historisch-kritische Erkenntnisse aus der universitären Bibelwissenschaft in das Textverständnis einfliessen. Man stellt sich beim Lesen eines Bibeltextes nicht die Frage, wie der Text jetzt 1 zu 1 in unsere heutige Gesellschaft gelesen werden muss. Man fragt sich, in welcher Lebenswelt sich die ersten Leserinnen und Leser wohl befunden haben. Bereits durch diese andere Sicht bekommen Bibeltexte weitere Bedeutungen. Ich persönlich erlebe diese weiteren Bedeutungen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung. Zudem akzeptiert man, dass unterschiedliche Erfahrungen in der Welt auch unterschiedliche Gotteserfahrungen mit sich bringen. Die Grundhaltung im Glauben an Gott bleibt die gleiche. Progressives Christentum lehnt nicht Gott oder die Bibel, sondern Dogmen ab.

Die Liebe im Herz, das Reich Gottes im Kopf

«Progressiv» glauben bedeutet auch der tiefen Überzeugung zu sein, dass Veränderung und Fortschritt sowohl im Glauben wie auch der Welt möglich sind. Dabei verstehe ich Fortschritt nicht als ewiges Wachstum einer Wirtschaftsform, sondern Wachstum zu mehr Reich Gottes. Ich bin überzeugt, dass wir als Christinnen und Christen dazu beauftragt sind «Reich Gottes» in diese Welt zu bringen. Dabei ist dieses Reich nicht hierarchisch und religiös geprägt und regiert. Es ist die Welt, in der die Gerechtigkeit herrscht. Gerechtigkeit im hebräischen Sinn ist nicht die Form der Gerechtigkeit, die wir aus der Justiz kennen. Sie beschreibt ein Handeln, dass immer den Unterdrückten zugutekommt. Eine Welt ohne Rassismus, ohne Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung, ohne Armut und vieles mehr. Dieser Zustand lässt sich nicht ohne Fortschritt erreichen. Das progressive im progressiven Christentum richtet sich nicht an eigenen Interessen aus. Es ist immer von der Liebe geleitet. Progressive Christinnen und Christen suchen diesen Fortschritt nicht aus dem Grund, die bestehende Religion zerstören zu wollen, sondern um mehr Liebe in ihr zu finden.

Abschluss

Ich hoffe, mit diesem Beitrag etwas klar gemacht zu haben: Progressive Christinnen und Christen glauben nicht falsch. Sie interpretieren die Bibel nicht nach ihrem Belieben. Sie glauben einfach anders. Evangelikal glauben; fundamentalistisch glauben ist nicht die einzige Art und Weise den christlichen Glauben zu leben. Andere christliche Konfessionen haben das Recht unsere Überzeugungen abzulehnen. Aber sie haben nicht das Recht uns unseren progressiven Glauben abzusprechen.


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Eine Antwort zu „Eine kurze Apologetik des progressiven Christentums”.

  1. Danke für deinen Blogbeitrag. Insbesondere beim Thema Bibelverständnis finde ich bemerkenswert, wie das Schriftverständnis der evangelikalen Bewegung vom sinngemäßen Textverständnis abdriften kann: Allein die Idee der Diskriminierung queerer Lebensformen widerspricht doch dem dreifachen Liebesgebot – denn wie kann man die Liebe zwischen zwei Menschen überhaupt ablehnen, egal ob straight oder LBQ usw.?
    Oder, um mit dem 1. Johannesbrief 4,16 zu argumentieren: „Gott ist die Liebe. Und wer gegen die Liebe ist, ist gegen Gott“. Steht zwar nicht so da, hätte Johannes eigentlich auch noch ergänzen können.

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