Kaum ein religionskritisches Zitat ist so bekannt, wie die Worte des deutschen Philosophen, Ökonomen und politischen Theoretikers Karl Marx’. Dieser beschreibt in seinem Werk «Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie» die Religion als «das Opium des Volkes». Marx’ Theorien und Schriften mobilisierten die Arbeiter*innen aus welcher sich sozialdemokratische, sozialistische und kommunistische Strömungen bildeten. Bis heute Grundsteine für Linke politische Haltungen der Gegenwart. Darum erstaunt es nur wenige, dass Linke Kreise oft Religionskritisch auftreten.

Zugegebenermassen gibt es in vielen kirchlichen Gemeinschaften Haltungen und Praktiken, die es durchaus kritisch zu hinterfragen gilt. Da ist einerseits die Tendenz Macht zu konzentrieren und ein Machtgefälle zu erschaffen. Gerade die römisch-katholischen Kirche mit dem Papsttum, der Priesterweihe und ihren teilweise undurchsichtigen Strukturen ist da ein gutes Beispiel. Aber auch bei modernen amerikanischen «Mega-churches» ist das gut zu beobachten. Einige wenige «spirituelle Leiterinnen und Leiter» sind so sehr Vorbild, dass es bereits zur Konzentration von Macht kommt. Demokratische Prozesse kommen in der Kirche nur schleppend an. Weiter sind viele kirchliche Strömungen trotz offenem Erscheinungsbild konservativ, wenn nicht schon fast Reaktionär. Progressive Familienmodelle, Beziehungsstrukturen, Wirtschaftsformen kommen in den Kirchen gar nicht; oder wenn dann sehr verspätet an. Und zuletzt vertrösten Kirchen allzu oft ihre Gläubigen auf «das bessere Leben nach dem Tod». Gerade diese letzte Verhaltensweise, Gläubige auf eine bessere Zukunft nach dem Tod zu vertrösten, anstelle sie in ihrem Kampf um ein besseres Leben zu unterstützen, ist für Karl Marx der Grund die Religion mit Opium zu vergleichen. Im Übrigen ist nicht nur die christliche Glaubensgemeinschaft von diesen problematischen Zusammenhängen betroffen. Da ich allerdings nur mit der christlichen Religion genügend vertraut bin, beschränken sich meine Gedanken auf die Glaubensgemeinschaft des Christentums.
Opium ist ein starkes Betäubungsmittel, welches vorübergehend selbst stärkste Schmerzen lindern kann. Allerdings bekämpft es lediglich das Symptom «Schmerz», nie aber seine Ursache. Genauso macht es nach Marx auch die Religion mit der Bevölkerung. Anstelle der einfachen Arbeiter*innen in ihrem Kampf um bessere Löhne, gerechtere Arbeitsbedingungen und mehr soziale Gerechtigkeit – kurz: im Kampf für eine bessere Welt – zu unterstützen und die Ursachen der Ungerechtigkeit anzugehen, wirkt sie wie Opium. Warum konsequent für eine bessere Welt arbeiten, wenn es nach dem Leben doch so oder so bis in alle Ewigkeit grossartig ist? Warum die wirkliche Ursache bekämpfen, wenn die Religion mit ihrem «Trost» das Symptom bekämpft? Diese Haltungen im gesellschaftlichen Rahmen lassen sich in meinen Augen recht gut mit Opium vergleichen. Und gerade in der Vergangenheit; aber auch in der Gegenwart und sicherlich auch in der Zukunft wird Religion als «Opium für das Volk» wahrgenommen werden können. So war die Kirche bereits im Mittelalter im Stand des «Klerus» ein Zentrum der Macht. Sie arbeitete strukturell mit dem Adel zusammen. Auch während der Industrialisierung solidarisierte sich die Kirche grösstenteils mit den finanzstarken Industriellen und mahnte die Arbeiterinnen und Arbeiter, dass Fleiss und Bescheidenheit eine anzustrebende Tugend sei. Vom Ruf der Arbeiterinnen und Arbeiter nach mehr Gerechtigkeit wollten sie nichts hören.
Auch heute noch gibt es christliche Gruppierungen, die versuchen mit Trost und dem Versprechen nach Hoffnung Menschen beizustehen. Wirkliche Solidarität gibt es selten. So wird heute versucht, lesbischen und schwulen Christinnen und Christen klarzumachen, sie müssten jetzt halt auf ihre Sexualität verzichten. Nach dem Leben oder durch ihren Verzicht würden sie dann belohnt. In klimapolitischen Fragen gibt es innerhalb der Kirche Positionen, die behaupten, Gott habe die Welt schon genug im Griff und wir hätten keinen Einfluss. Gottes Plan für die Welt sei schon gut. Definitiv eine schwache Vertröstung und Linderung des Symptoms; nicht aber der Ursache. Ohne Zweifel stimme ich in Anbetracht dieser Umstände Marx zu. Religion ist Opium für das Volk.
Aber sie kann auch Utopie werden.
Trotz aller berechtigter Religionskritik bin ich klar der Überzeugung, dass Religion eine sozialrevolutionäre und sozialgerechte Utopie liefern kann. Salopp gesagt, kann man überall dort Religion mit Opium vergleichen, wo Menschen ihre eigenen Machtansprüche und Privilegien mithilfe der Religion verteidigen wollen. Sei es nun im Aufrechterhalten der feudalistischen Gesellschaft im Mittelalter, dem sicheren der finanziellen Mittel durch die Zusammenarbeit mit Industriellen, oder dem Wunsch im eigenen Familienmodell eine Norm zu entsprechend zu prägen. Nur widerspricht diese Verhaltensweise grundlegenden religiösen Kerngedanken. Die Bibel liefert mehr als genug Inhalte, die sich kritisch gegenüber Hierarchien und Macht äussern.
Bereits in der Schöpfungserzählung wird eine wichtige Haltung deutlich: Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Nicht ein Mensch, nicht eine religiöse Gruppe, sondern der Mensch als Mensch. Etwas weiter, bei den Gesetzgebungen wird klar: Armut, Reichtum, Herrschaft und Ausbeutung wird schärfstens kritisiert; die praktische Solidarität mit sozialbenachteiligten Gruppen wie etwa Witwen, Waisen, Sklaven oder Fremden gefordert. Hier zwei Beispiele:
Witwen und Waisen dürft ihr nicht ausbeuten. Wenn du sie schlecht behandelst, dann werden sie mich anrufen und ich erhöre ganz gewiss ihr Klagegeschrei.
Exodus 22,21
oder
Sie lässt Waisen und Witwen Recht widerfahren. Sie liebt die Fremden und gibt ihnen Brot und Kleidung. Ihr sollt die Fremden lieben, denn auch ihr seid in Ägypten Fremde gewesen.
Deuteronomium 10, 18f
Wo diese Massstäbe nicht geachtet werden, treten die Prophetinnen und Propheten mit schärfster Sozialkritik auf den Plan. Gerade sie sind es, die der Institution «Kirche» Vorbilder sein sollten. Ihre Wirkung auf die Gesellschaft ist alles andere als Opium. Sie lindern beim Volk keine Symptome mit billigem Trost, sondern richten ihre Kritik an die Mächtigen. Sie sprechen im Namen Gottes für die unterdrückten mit dem Ziel ihnen zu Recht zu verhelfen. Diese Form der biblischen Sozialkritik versucht das Unrecht an der Wurzel zu packen:
So sagt Gott: »Wegen der drei Verbrechen von Israel und wegen der vier mache ich es nicht rückgängig: Weil sie die Gerechte für Kleingeld verkauften und den Verarmten für ein Paar Sandalen. Den Kopf der Hilflosen treten sie in den Staub der Erde und manipulieren die Situation der Bedürftigen. Sohn und Vater gehen zu derselben jungen Frau, um meinen heiligen Namen in den Schmutz zu ziehen. Auf gepfändeten Kleidern strecken sie sich aus neben jedem Altar,und Wein vom Geld der Verschuldeten trinken sie im Haus ihrer Gottheit.
Amos, 2, 6 – 8
Diese Grundhaltung den Rechtlosen und benachteiligten zu ihrem Recht zu verhelfen zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. In vielen Geschichten scheint es beinahe so, als sei Gott parteiisch. Stets parteiisch für gesellschaftlich schlechter gestellte. Seien es nun zweitgeborene Söhne, Sklavinnen oder Verbrecherinnen und Verbrecher. Gott solidarisiert sich immer mit den schwächeren. So erstaunt es kaum, dass diese Tradition auch bei Jesus weitergeführt wird. Ein Reicher soll all seine Besitztümer den Armen verteilen, der Samariter hilft einem Fremden und die geizigen Händlerinnen und Händler im Tempel werden vertrieben. Seelig seien die dürsten nach Gerechtigkeit.
Die Bibel porträtiert ein Bild der sozialen Gerechtigkeit, aus welchem meine eigene Utopie lebt. Das Gegenüber als Ebenbild Gottes im Blick und doch voller Wut auf Unterdrückung. Aus Solidarität mit meinen Nächsten heraus. So sollte die Kirche im Diskurs um soziale Gerechtigkeit aktiv sein. Und dann, und nur dann, wird sie die Bezeichnung «Opium des Volkes» wirklich ablegen können.
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