Ich freue mich, euch mit dem folgenden Beitrag weiter auf die Reise durch den biblischen Schöpfungsmythos mitnehmen zu dürfen. Der folgende Post ist einer von vier geplanten Artikeln rund um die Schöpfungsgeschichte. Ich will damit eine der missverstandensten Geschichten der Bibel aufgreifen und zeigen, dass sie vielmehr Tiefe hat, als wir uns vielleicht gewohnt sind. Falls ihr den ersten Beitrag noch nicht gelesen habt, empfehle ich euch diesen ebenfalls zu lesen. Ihr findet den direkten Link dazu hier. Legen wir los!

Gehilfin – oder Retterin?
Im heutigen Beitrag widmen wir uns einer, meist konservativen, Aussage, die ihren Ursprung im Schöpfungsmythos hat: «Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen und dabei die Frau dem Mann untergeordnet.» Gott schafft am Anfang der Bibel die Menschen und schafft diese als Mann und Frau. Der Frau wird dabei die Aufgabe zuteil dem Mann eine «Gehilfin» zu sein.
Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die ihm entspricht!
Genesis 2,18 / Schlachter Übersetzung
Lange wurde diese Bibelstelle dafür benutzt patriarchale Strukturen zu rechtfertigen und Frauen als Menschen zweiter Klasse zu betrachten. Schliesslich ist die Frau dem Mann eine Gehilfin. Gewissermassen soll sie dem Mann dienen. Noch heute findet diese Argumentation ihren Weg in Beziehungen und deren Rollenverständnis. Dabei vergisst man allerdings, welches hebräische Wort für Gehilfin verwendet wird. Im hebräischen Text steht für Gehilfin das Wort עֵזֶר כְּנֶגְדּוֹ (ʿēzer kĕnegdô). Es besteht aus zwei Teilen: עֵזֶר (ʿēzer) und כְּנֶגְדּוֹ (kĕnegdô). Ezer bedeutet übersetzt Hilfe oder Beistand. Oft in einem starken, rettenden Sinn. Es ist dasselbe Wort, welches im Alten Testament oft für Gott selbst verwendet wird. Gott selbst bezeichnet sich als ezer, also die Rettung oder Hilfe für Menschen. Es hat dabei nichts mit Hierarchie zu tun. Und falls man doch auf die Idee kommen würde, entkräftet die Übersetzung des Wortes כְּנֶגְדּוֹ (kĕnegdô) diese Interpretation ein für alle Mal. Übersetzt heisst das nämlich: «gegenüber ihm» oder «auf Augenhöhe». Es drückt zweifelsfrei eine Gleichwertigkeit aus. Der hebräische Text beschreibt die Frau also mit demselben Wort, welches meist für Gott selbst verwendet wird.
Tag und Nacht – und Dämmerung?
Weiter wird in theologischen Debatten rund um non-binäre Geschlechtervorstellungen die Schöpfungsgeschichte zitiert. Gerade Vertreterinnen und Vertreter eines binären Geschlechterbilds greifen gerne auf die Bibelstelle Genesis 1,27
Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.
Genesis 1, 27 / Schlachter Übersetzung
Gott schafft den Menschen als Mann und Frau. Damit hat sich die Sache erledigt. Gott schafft den Menschen nicht als Mann, Frau und alles dazwischen und ausserhalb. Oder? Ganz so einfach lässt sich die Schöpfungsgeschichte auch hier nicht missbrauchen. Den kleinen Unterschied in der Übersetzung erkennt man beispielsweise, wenn man andere Bibelübersetzungen liest. Hier beispielsweise die Bibel in gerechter Sprache:
Da schuf Gott Adam, die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen.
Genesis 1, 27 / Bibel in gerechter Sprache
Mann und Frau, oder männlich und weiblich. Zwei scheinbar unbedeutende Unterschiede? Eben nicht! Mann und Frau sind geschlechterspezifische Rollen einer Gesellschaft. Als Frau oder Mann wird man nicht geboren, man lernt es. Männlich und weiblich hingegen sind zwei Pole einer biologischen Tatsache. Grammatikalisch fällt auf: Der Mensch ist männlich und weiblich. Man könnte also genau so sagen, dass der Mensch sowohl männlich wie auch weiblich ist.
Wem diese Argumentation aber zu abgehoben und an den Haaren herbeigezogen wirkt und gerne näher am Text bleibt biete ich ebenfalls etwas zum Nachdenken:
Am ersten Tag schafft Gott Tag und Nacht. Am dritten Tag schafft Gott Erde und Meer. Am fünften Tag folgen die Tiere im Wasser und am sechsten schliesslich die Tiere an Land. Als Krönung erschafft Gott den Menschen als männlich und weiblich. Alles binäre Paare?
- Tag und Nacht
- Meer und Land
- Tiere im Wasser und an Land
- Mann und Frau
Keines der drei Paare Tag/Nacht, Meer/Land oder Wasser-/Landtiere sind binär. So gibt es etwa Dämmerung, etwas zwischen Tag und Nacht. Es gibt aber auch das Wattenmeer, etwas zwischen Meer und Land. Und es gibt auch Tiere wie etwa Wale, Robben oder Amphibien, die entweder im Wasser leben aber dort nicht hingehören oder sowohl Landtiere wie auch Wassertiere sind. Warum sollte gerade das Paar männlich/weiblich dieses Dazwischen nicht zulassen? Schliesslich lässt die Geschichte es überall sonst auch zu.
Zusammenfassung
Die Schöpfungsgeschichte wird immer noch als Argument gegen feministische Anliegen verwendet. Allerdings sind die betonte Hierarchie zwischen Frau und Mann und der starke Fokus auf ein binäres Geschlechtermodell inhaltlich nicht eindeutig. Die Schöpfungsgeschichte lässt mehr Spielraum offen als man auf den ersten Blick erahnen könnte. Es lohnt sich also, sich auch weiter mit dieser Geschichte zu befassen und sie in die progressive Theologie zurückzubringen.
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