Wenn sich mehr als zwei lieben – Polyamorie und Gott

11–17 Minuten

Ausgangslage

Warum dieser Beitrag?

Starten wir diesen Blogbeitrag mit einem kleinen Gedankenexperiment. Stellt euch vor – Wie würden unsere Beziehungen aussehen, wenn Gott keine bestimmte Form davon fordert? Wie würden wir unsere Sexualität leben, wenn Gott nicht auf Normen, sondern auf Liebe, Ehrlichkeit und Konsens schaut?

Das Schreiben dieses Beitrages hilft mir dabei, eine Predigt zur Reihe «Beziehungsformen» vorzubereiten und ich freue mich, euch auf diese Reise mitzunehmen. In der Predigt soll ich Pro– und Kontraargumente polyamorer oder offener Beziehungen aufzeigen, eine biblische Exegese machen und meine persönlichen Gedanken dazu teilen. Ein spannendes und kontroverses Thema. Wer mich bereits etwas kennt, weiss, dass ich die Kontroverse nicht scheue und die respektvolle Auseinandersetzung schätze. Um den Hörerinnen und Hörern dieser Predigt die Möglichkeit zu bieten im Nachgang meine Gedanken nochmals nachzulesen, veröffentliche ich die Predigt, beziehungsweise deren Inhalt auf meinem Blog. Macht euch gerne eigene Gedanken und teilt diese in den Kommentaren.

Foto von Shaira Dela Peña auf Unsplash

Was ist Polyamorie? Was ist eine offene Beziehung?

Wir leben in einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Normen wandeln. Immer mehr Menschen brechen mit bekannten Beziehungsformen – darunter auch Christinnen und Christen. Offene Beziehung und Polyamorie sind zwei Begriffe, die meist einer kleinen Gruppe von Menschen bekannt sind. Eine offene Beziehung ist, wenn man keine sexuelle Exklusivität lebt. Kurz: Es wird toleriert, dass man mit weiteren Menschen sexuell aktiv ist. Dabei sind romantische Gefühle zweitrangig. Es geht in erster Linie um die Sexualität und um die körperliche Intimität. Bei Polyamorie hingegen spielen die Gefühle eine wichtigere Rolle. Das Wort Polyamorie stammt aus dem Griechischen und Lateinischen: «poly» bedeutet «viele», «amor» steht für «Liebe». Die Polyamorie geht davon aus, dass ein Mensch mehrere Menschen lieben kann. Genau so, wie ich mehrere Geschwister gernhabe und ich mehr als nur einen Freund oder eine Freundin mein Leben begleiten lasse. Gerade Christinnen und Christen stellen sich dabei schnell die Frage: Wie ist das mit meinem Glauben vereinbar? Ist es das überhaupt? Darum soll es im heutigen Beitrag gehen.

Kontra-Argumente

Schöpfung: Mann und Frau werden eins

Wahrscheinlich ist es nicht übertrieben, wenn ich sage, dass die meisten Christinnen und Christen jeglichen nicht-exklusiven Beziehungsformen kritisch gegenüberstehen. Dabei sind es nicht nur konservativ geprägte Menschen. Grundsätzlich sind sich die meisten Menschen unserer Gesellschaft an exklusive Beziehungsformen gewöhnt. Und das seit Jahrhunderten.

Die konservative Strömung bringt ihre Haltung mit einigen schlichten, aber logischen Punkten zum Ausdruck. Es wird betont, dass die göttliche Absicht hinter Sexualität die Fortpflanzung im Rahmen der Ehe zwischen Mann und Frau vorsieht. Das werde vor allem in Genesis 2,24 klar. Ein Mann und eine Frau werden gemeinsam eins. Die christliche Beziehung bestünde klar aus einem Mann und einer Frau, die gemeinsam ihr Leben bestreiten.

Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden. Sie werden ein Fleisch sein.
Genesis 2,24 Bibel in gerechter Sprache

Auch Jesus bezieht sich bei Matthäus 19, 4-6 auf genau diese Aussage. Zudem erweitert er diese mit der Haltung, was Gott verbindet, soll der Mensch nicht trennen. Demnach ist der Ehebund von Gott zusammengeführt und ausnahmslos exklusiv.

Ehebruch = Eifersucht

Dennoch zeigt die Bibel bereits früh andere Realitäten auf. Abraham weicht auf eine Sklavin aus um Nachkommen zu zeugen und in den Gesetzen wird davon berichtet, dass ein Mann mehrere Frauen haben kann.

Dabei stellt konservative Ethik und Theologie fest, dass solche Mehrfachbeziehungen ausnahmslos zu Eifersucht führen. Gerade auch diese Geschichten der Bibel würden das aufzeigen. Da gibt es die Geschichten von David und Betseba (2. Samuel 11, 11-12) oder Jakob, Lea und Rahel (Genesis, 29 – 30). Die Geschichten seien eindeutig ein Zeichen, dass nicht exklusive Beziehungen zu Eifersucht führen. Die Texte widerspiegeln kein Beziehungsideal. Vielmehr machen sie auf die echten Gefahren aufmerksam die auftauchen.

Wer die Ehe bricht, hat weder Herz noch Verstand; wer so etwas tut, löscht das eigene Leben aus. So jemand wird Schläge und Schande ernten, und die Erniedrigung lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Ja, die Eifersucht bringt Menschen zur Raserei, und es wird am Tag der Abrechnung kein Mitleid geben.
Sprüche, 6,32-34 Bibel in gerechter Sprache

Paulus und die Ehelosigkeit

Auch im neuen Testament wird die Haltung einer exklusiven Ehe betont. Paulus schreibt im 1. Brief an die Korinther, dass das Ideal die Enthaltsamkeit wäre. Wer das nicht schafft, solle Sexualität innerhalb der Ehe leben:

Jetzt zu dem, worüber ihr geschrieben habt. Es ist gut, wenn ein Mann keine Beziehung zu einer Frau hat. Doch um verantwortungslose Sexualität zu vermeiden, sollte jeder Mann mit seiner Frau sexuell verkehren, und jede Frau sollte mit ihrem eigenen Mann verkehren.
1. Korinther 7, 1 -2; Bibel in gerechter Sprache

Aus konservativer Sicht ist der Fall klar und im Grunde müsste man gar nicht gross weiter diskutieren. In extremen Kreisen wird jeder Versuch sachlicher Diskussion verhindert, indem behauptet wird, es führe lediglich zur Versuchung.

Jesus und der einzige Grund einer Scheidung

Die wohl deutlichste Aussage Jesu zu Beziehungsformen findet man im Matthäus-Evangelium im 19. Kapitel. Im Dialog mit seinen Jüngerinnen und Jüngern diskutieren sie über Ehe, Ehebruch und Scheidung. Wie bereits erwähnt nimmt Jesus hier Bezug auf die Genesis 2,24 Stelle.

Ich sage euch: Wer seine Frau gehen lässt, außer wegen unverantwortlicher sexueller Beziehungen, und eine andere heiratet, der bricht die Ehe.
Matthäus. 19,9 Bibel in gerechter Sprache

Interessant daran finde ich die Aussage, dass eine Scheidung nur legitim ist, wenn sie aufgrund «unverantwortlicher sexueller Beziehungen» begründet ist. Da kann man gut und gerne darüber theologisieren. Sind nicht-exklusive Beziehungen nicht genau solche «unverantwortlichen sexuellen Beziehungen»? Für die christliche Kontra-Seite ist die Antwort auf diese Frage eindeutig: «Ja, sexueller Kontakt ausserhalb einer monogamen Beziehung ist unverantwortlich.»

Pro-Argumente

Bibelzugang als Voraussetzung

Es mag einige erstaunen, aber es gibt durchaus christliche Argumente für nicht-exklusive Beziehungsformen. Diese Argumente stammen hauptsächlich aus der theologisch «progressiven Strömung». Diese vertritt die Haltung, dass Theologie und Gesellschaft im positiven Wandel geprägt werden soll. Es wird für Erneuerungen und Fortschritt gekämpft. Um sich mit diesen Argumenten auseinanderzusetzen, ist ein nicht-literarischer Zugang zur Bibel notwendig. Ein Zugang, der dem konservativen schriftlichen Verständnis widerspricht. Als Grundhaltung gilt die Annahme, dass wir die Bibel als Wort Gottes nicht 1:1 in die heutige Zeit übertragen können. Der gesellschaftliche Wandel, der sich seit der Verfassung der Texte ereignete, darf nicht kleingeredet werden. Die Bibel spricht zu uns durch ihre Haltung und nicht durch ihre direkt übernommenen Zitate. Aufgabe der progressiven Theologie ist es, genau nach dieser Haltung zu fragen und durch historisch-kritische Forschung auf den Grund zu gehen.

Das Fundament progressiv-christlicher Ethik

Fangen wir mit dem wichtigsten Argument für nicht-exklusive Beziehungsformen an: Gewissermassen dem Fundament. Im Zentrum der progressiv-christlichen Ethik steht nicht etwa die Reinheit, der Gehorsam oder die Strenge. Nein, im Zentrum progressiv-christlicher Ethik steht die Liebe. Nächstenliebe, Feindesliebe, Fremdenliebe oder einfach: Die Liebe. In Form der Gerechtigkeit (zedaka צְדָקָה) zieht sich diese Liebe wie ein roter Faden durch die Bibel. Dadurch entsteht gegenüber nicht-exklusiven Beziehungen ein Spielraum für Diskussionen. Gerade die Polyamorie trägt den Begriff «Liebe» schliesslich bereits im Namen. Man stellt sich die Frage, wie solche Formen gelebt werden können, und trotzdem keine der Beteiligten Leid, sondern Liebe und Gerechtigkeit erfährt. Paulus betont im 1. Brief an die Korinther den Wert der Liebe.

Die Liebe hat einen langen Atem und sie ist zuverlässig, sie ist nicht eifersüchtig, sie spielt sich nicht auf, um andere zu beherrschen. Sie handelt nicht respektlos anderen gegenüber und sie ist nicht egoistisch, sie wird nicht jähzornig und nachtragend. Wo Unrecht geschieht, freut sie sich nicht, vielmehr freut sie sich mit anderen an der Wahrheit. Sie ist fähig zu schweigen und zu vertrauen, sie hofft mit Ausdauer und Widerstandskraft. Die Liebe gibt niemals auf. Prophetische Gaben werden aufhören, geistgewirktes Reden wird zu Ende gehen, Erkenntnis wird ein Ende finden.
1. Korinther 13, 4 – 8 Bibel in gerechter Sprache

Einige Verse weiter, im Vers 13, erwähnt Paulus, dass unter Vertrauen, Hoffnung und Liebe die Liebe die grösste Kraft ist. Also selbst im Vergleich mit Vertrauen/Glaube und Hoffnung ist die Liebe der zentrale Aspekt christlicher Ethik. Progressive Strömungen versuchen ihre Ethik genau dadurch zu prägen.

Eifersucht ist nicht das Problem, sondern ein Symptom

Ebenfalls aus 1.Korinther 13 wird klar: Wahre Liebe ist nicht eifersüchtig. Sie ist auch nicht boshaft oder Besitzergreifend. Sie ist fürsorglich, zuwendend und zuhörend. Eifersucht ist keine naturgegebene Reaktion. In polyamoren Kreisen wird Eifersucht als Zeichen eines unbewussten Besitzanspruches verstanden. Eifersucht entsteht aus dem Gedanken: «Du bist mein, und ich bin dein.» Folglich lässt man alles, was potenziell diesen Besitz streitig machen könnte, zur Gefahr werden und schon wird man eifersüchtig. Auch auf der Pro-Seite ist klar: Eifersucht gibt es. Sie wird aber, anders als auf der Kontra-Seite, nicht als natürliche Reaktion, sondern als Merkmal patriarchaler Strukturen verstanden. Nicht mein Gegenüber ist der Grund für diese Gefühle, sondern ich selbst.

In Bezug auf Eifersucht betonen polyamore Menschen einen neuen Aspekt. Den der «Mit-freude». Sie fusst in der Annahme, dass, wenn ich mein Gegenüber wirklich liebe, ich nicht eifersüchtig bin. Vielmehr freue ich mich an deren Wohlergehen und Freude. Ich freue mich mit meinem Gegenüber. Aus Liebe. Wie es im 1.Korinther 13 steht. Die Liebe will nicht beherrschen, nicht dominieren und nicht gewinnen. Sie hat auch keine Verlustängste. Sie will Freude teilen, einander zuhören und respektieren.

Wem sich in polyamorer Literatur vertiefen will, empfehle ich das Buch «Polyamorie» von Thomas Schroedter und Christina Vetter.

Was ist Untreue? Versuch einer Begriffsdefinition

Die Antworten auf Fragen der Treue oder Untreue sind in progressiven Kreisen philosophischer Natur. Man stellt sich die Frage, was Untreue konkret ist. In der Wahrnehmung progressiver Ansichten ist untreue dann gegeben, wenn nicht-exklusiv sexuelle Handlungen passieren, die nicht mit dem Gegenüber abgesprochen sind. Es also keinen «Konsens» gibt. Sie geschehen im Verdeckten. Sie verletzen, weil es sich um Vertrauensmissbrauch handelt. Das nicht-exklusive Ideal wird aber anders porträtiert: Sexuelle Aktivitäten werden immer mit dem Gegenüber abgesprochen. Es passiert nichts ohne die Einwilligung der Betroffenen. Sind alle beteiligten einverstanden, kann man auch nicht von Untreue sprechen.

Der Duden definiert Untreue folgendermassen:

[einem] anderen gegenüber nicht beständig, sondern einer Verpflichtung o. Ä. zuwiderhandelnd
Duden Online

Untreue ist also nach Duden, wenn man sich nicht an Abmachungen hält. In der Polyamorie übernimmt man diese Definition auch für Beziehungen. Untreu ist man, wenn Abmachungen nicht eingehalten werden.

Ich vergleiche es gerne mit Diebstahl. Diebstahl ist, wenn ich beispielsweise einem Menschen ein Taschenmesser entwende und mir aneigne. Frage ich aber ebendiesen Menschen ob ich das Taschenmesser haben dürfte und dieser stimmt zu, handelt es sich nicht mehr um Diebstahl. Genau so ist es mit der Untreue.

Ehrlichkeit und Offenheit als Sinnbild für Treue

Treue, wird in der polyamoren Theorie gleichgesetzt mit Offenheit und Ehrlichkeit. Mein Gegenüber vertraut mir so sehr, dass er mir offen die Gefühlswelt widerspiegeln kann. Diese Möglichkeit wird von polyamoren Menschen als «treu» empfunden.

Auch hier die Definition des Wortes Treue aus dem Duden:

zuverlässig, beständig in seiner Gesinnung ([einem] anderen, einer Sache gegenüber)
Duden Online

Die polyamore Theorie betont den Wert, in einer Beziehung ehrlich und offen eigene Gefühle anzusprechen zu können. Voraussetzung dazu ist eine funktionierende Vertrauensbasis, Verständnis und Zuwendung. Progressiv-christliche Ethik betont, dass polyamore Beziehungen vielmehr Ehrlichkeit, Vertrauen, Offenheit und Kommunikation fordern. Diese Eigenschaften entsprechen der biblischen Liebe nach 1.Korinther 13 fundamentaler, als man oft mit erstem Blick erahnen könnte.

Hosea: Ein Gott der Liebe liebt

In Hosea wird Gott als ein Gott der Freude an Liebe hat, beschrieben.

Denn an Liebe habe ich Wohlgefallen und nicht am Opfer, an der Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.
Hosea 6,6 Bibel Schlachter Übersetzung

Es lohnt sich, die Bibelstelle aus Hosea 6 etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und sich in den hebräischen Urtext zu vertiefen. Die zentralen Begriffe der Bibelstelle sind meiner Meinung nach:

  • Liebe (chesed / חֶסֶד)
  • Gotteserkenntnis (da’at / דַּעַת)

Chesed, also Liebe, wird oft auch mit anderen Worten übersetzt. Etwa Güte, oder Barmherzigkeit. Das Wort beschreibt eine aktive, zugewandte Liebe. Nicht nur ein Gefühl, sondern auch eine Haltung und eine Handlung. Es ist selbstbestimmter als die unkontrollierte Emotion.

Da’at, die Erkenntnis Gottes, stammt aus dem Wort «yada’» was so viel wie erkennen, kennen oder intim vertraut sein bedeutet. Es ist nicht bloss ein intellektuelles Wissen, sondern vielmehr eine persönliche und intime Erkenntnis, die beziehungsorientiert ist. In Genesis 4 verkörpert der Begriff sogar eine sexuelle Intimität da Adam Eva «erkannte» und im Anschluss ein Kind gebar.

Es scheint, als ob Gott mehr gefallen an ehrlichen, aufrichtigen Beziehungen wertschätzt. Eben Beziehungen in welchen man über Bedürfnisse, Ängste und Sorgen reden kann. Wenn man gemeinsam Lösungen findet, ohne zu verurteilen.

Das passt in meinen Augen auch für ein Gottesbild eines liebenden Gottes. Gott freut sich an der Liebe. Gott freut sich daran, wenn Menschen sich Lieben und sie glücklich sind. Werden Menschen aber durch Liebe verletzt, beispielswiese durch fehlenden Konsens, sieht die Sache anders aus. Und genau solche Verletzungen will man in nicht-exklusiven Beziehungen durch Offenheit, Ehrlichkeit und Vertrauen verhindern.

Jesus und die Frau am Jakobsbrunnen

Bei Jesus lässt sich in der Geschichte mit der Frau am Jakobsbrunnen eine spannende Tendenz erkennen, welche anschliessend auch im Fazit relevant wird. Jesus bleibt gegenüber der Samaritanerin offen, beschreibt ihre Lebensrealität, ohne zu urteilen.

Jesus weiss, dass die Frau fünf Ehen hatte und zurzeit ehelos ist. Und doch ist er mit ihr in Kontakt getreten:

Er sagte zu ihr: »Geh, rufe deinen Mann und komm hierher!« Die Frau antwortete und sagte ihm: »Ich habe keinen Mann.« Jesus sagte zu ihr: »Du hast ganz richtig gesagt: ›Ich habe keinen Mann.‹ Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du die Wahrheit gesagt.«
Johannes, 4, 16 – 18

Für Jesus macht es keinen Unterschied wie die Frau lebt. Jesus zeigt Gott von einer inklusiven Seite. Ohne Ausgrenzung. Jesus beschreibt die Beziehungen der Frau objektiv und ohne Polemik. Man könnte erwarten, dass Jesus ihr eine Handlungsempfehlung gibt, wie er es bei anderen Begegnungen macht: «Geh und sündige nicht mehr» (Johannes, 8,11) oder «kehre um und tue Busse» (Markus 1, 5). Aber: er tut es nicht. Er verlangt von ihr keine Veränderung! Jesus erkennt ihre Realität an und beschreibt diese lediglich, ohne sie zu werten.

Es scheint, als würde Jesus vielmehr Wert auf die Begegnung und den Respekt legen, als auf die Beziehungsform. Vielleicht sind Beziehungsformen für Jesus selbst gar nicht so wichtig? Sonst hätte er sicherlich konkret dazu Bezug genommen. Eine Begegnung mit einer fünffach geschiedenen Frau in der Antike erlebt man schliesslich nicht jeden Tag. Da darf man sich durchaus die Frage stellen, warum er nicht interveniert.

Fazit

Respekt zählt

Die Frage nach Beziehungsformen ist eine sehr persönliche und Individuelle. Ich bin der Meinung, dass diese Frage in allen Beziehungen geklärt werden muss. Wie man sich entscheidet, ist zweitrangig.

Es gibt unterschiedliche Gründe für eine exklusive Beziehung. Das sind etwa Verlustängste oder starke Tendenz zur Eifersucht. Das zu benennen und dem Grenzen zu setzen ist wichtig und berechtig.

Genau so gibt es aber auch Gründe für polyamore oder offene Beziehung. Mensche berichten von der Erfahrung, dass durch das Öffnen der Beziehung das Vertrauen zugenommen hat. Genau so wie die Möglichkeit alles anzusprechen. Auch die Gefühle für andere Menschen.

Wichtig ist keine Beziehungsform ist die universale Lösung für alle. Es braucht den nötigen Respekt und die Bescheidenheit das auch in der eigenen Überzeugung anzuerkennen. Zumal es Gemeinsamkeiten zwischen den konservativen und progressiven Positionen gibt.

Gemeinsamkeiten

So hat die progressive Strömung mit der Absicht sich selbst entfalten zu können biblische Referenzen zu polygamen Beziehungen. In der Bibel wird beispielsweise davon berichtet, dass ein Mann mehrere Frauen hat. Eine Frau darf aber niemals mehrere Männer haben. Solche Formen sind selbst bei konservativen Kreisen unvorstellbar.

Auf konservativer Seite hingegen bezieht man sich auf ein scheinbar biblisches Beziehungsmodell, obwohl es ihren Ursprung in der Renaissance hat. Die heutige Ehe hat ihren Ursprung nicht sehr weit in der Vergangenheit. Vorstellungen der exklusiven Romantik kam erst vor rund 300 Jahren auf. In biblischen Eheschliessungen waren die vermählten oft Minderjährig und kannten sich nicht. Die Bibel spricht oft von organisierten Ehen. Auch diese Art der Ehe wollen weder progressive noch konservative Kreise.

Die Beziehungsformen in der Bibel sind einfach Kinder ihrer Zeit. Voller patriarchaler Vergangenheit und nicht für unsere heutige Zeit übernehmbar. Doch genau diesen Anspruch haben die biblischen Texte auch nicht.

Die Bibel bleibt oft erstaunlich nüchtern

Wie bei der Geschichte von Jesus und der Samaritanerin am Jakobsbrunnen beschreibt die Bibel die Vielfalt menschlicher Beziehungen meist nüchtern. Es sind Lebensrealitäten, keine Ideale. Diese Haltung kann auch unser Umgang prägen: keine Ideale aufzwingen, sondern Beziehungen in Liebe, Respekt und Konsens gestalten.


Dir gefällt dieser Blog? Ich freue mich über deine Spende, oder teile diesen Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar

Alle Beiträge

Bleibe auf dem Laufenden

← Back

Deine Nachricht wurde gesendet

Achtung
Achtung
Warnung!