Nach einigen theoretischen Beiträgen folgt das erste Mal ein eher persönlicher Beitrag. Keine Angst, es wird jetzt nicht sentimental und der theoretische Teil kommt auch diesmal sicherlich nicht zu kurz. Versprochen! Anfangen möchte ich aber mit einem kurzen Situationsbeschrieb gefolgt von einer Reflexion.

Die Geschichte
Meine Frau und ich erwarten in absehbarer Zeit unser erstes Kind. Ein riesiges Erlebnis und damit verbunden enorme gesellschaftliche Erwartungen. Gerade die unzähligen Fragen, ob es ein Junge oder ein Mädchen gäbe, habe ich satt. Neulich, in einer Bar, war es wieder so weit: «Und? Wisst ihr, was es gibt?». Meine standartmässige Antwort auf diese Frage lautet: «Ein Kind, wahrscheinlich Mensch. Warum?» Bei einigen führt diese Aussage zu einem Lächeln, andere sind irritiert. Schliesslich wollten sie das vermeintliche Geschlecht des Kindes wissen. So auch in besagtem Gespräch.
Nach einigem Hin und Her beschloss ich, das Gespräch etwas ausschweifen zu lassen. Ich wusste, dass meine Kolleginnen und Kollegen eher konservativ unterwegs sind und ich entschied mich unseren Wissensstand zu teilen: «Es könnte ein Junge, ein Mädchen oder sogar beides sein. Beim Ultraschall hat man beide Geschlechtsteile gesehen.» – Stille. Jetzt war die Irritation selbst für Menschen, die weniger empathisch sind, nicht mehr zu übersehen. «Hä? Beides?». Meine Frau und ich sahen uns nun gezwungen die Gesellschaft etwas aufzuklären.
«Ja, das gibt es. Neben den klassischen XY und XX Chromosomen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Formen, die zu einer sogenannten Intergeschlechtlichkeit führen. Davon sind rund 0.1 bis 0.5% aller Menschen betroffen. Also stell dir vor, in jeder Schule mit 500 Kindern besteht eine grosse Wahrscheinlichkeit, ein intergeschlechtliches Kind dabei zu haben. In 25 Jahren Berufszeit betreut ein Kinderarzt oder Kinderärztin rund 2000 – 3000 Kinder. Statistisch gesehen begegnet also jeder Kinderarzt und jede Kinderärztin 2 bis 5 intergeschlechtlichen Kindern. Sofern sie 25 Jahre lang diesen Beruf ausüben, versteht sich. Das ist unserer Meinung nach nichts Schlimmes. Schlimm ist, was in der Vergangenheit mit intergeschlechtlichen Kindern passiert ist. Sie wurden nämlich einfach am Tag der Geburt operiert, um sie eindeutig einem Geschlecht zuordnen zu können.»
Für einige unserer Runde war das unverständlich. «Nichts schlimmes? Aber das Kind hat es ja unglaublich hart im Leben!» Und genau hier sind wir beim eigentlichen Thema dieses Beitrages. Ja, intergeschlechtliche Kinder erleben Ausgrenzung, Diskriminierung und Schamgefühle. Aber warum? Allein schon das Überfordert sein, diese Realität anzuerkennen, ist Wasser auf die Mühlen dieser Ausgrenzung. Schnell wurde das Gespräch politisch. Wo liegt denn das gesellschaftliche Problem? Was kann man dagegen machen? In diesen Fragen fanden wir schlussendlich keinen gemeinsamen Nenner.
Reflexion
Mir hat das Gespräch eines klar und deutlich gezeigt: Menschen, allen voran traditionelle Menschen, haben Schwierigkeiten damit Vielfalt in Geschlechtern zu akzeptieren. Es scheint einem Schicksalsschlag gleichzukommen, wenn ein Kind nicht eindeutig als Mädchen oder Junge eingeteilt werden kann. Dabei sind die allermeisten Probleme, die intergeschlechtliche Menschen erleben, gesellschaftlicher Natur. Ausgrenzung, Mobbing und fehlende Akzeptanz sind nicht naturgegebene Schwierigkeiten. Sie resultieren aus fehlender Akzeptanz und Liebe.
Gerade die konservative Weltanschauung trägt in meinen Augen massgeblich zu dieser Problematik bei. Sie sind sichtlich damit überfordert, wenn Menschen nicht in ihr binäres Geschlechterbild passen. Die klaren Vorstellungen was eine Frau oder ein Mann zu sein, tun und lassen hat finden in diesem Fall keine Handhabung. «Wie wollt ihr dann euer Kind erziehen? Als Junge oder als Mädchen?» Ganz einfach: So wie ein Junge oder ein Mädchen auch: Als Mensch.
Klar, einige Unterschiede in der Erziehung von Jungen und Mädchen würden wir machen. Einem Mädchen würden wir mit auf den Weg geben, dass sie genau so stark, begabt und fähig ist wie Jungs und sie sich nichts von Männern gefallen lassen muss, was sie nicht will. Einem Jungen dagegen würden wir beibringen, dass er nicht was Besseres ist als alle anderen. Und zudem: Wann immer du jemanden berühren willst, musst du vorher höflich fragen. Kurz: Mädchen und Jungen wollen wir in unserer Erziehung für patriarchale Strukturen sensibilisieren. Strukturen, die Konservative und Traditionelle nur allzu oft als natürlich und gottgegeben betrachten.
Sollten wir tatsächlich ein intergeschlechtliches Kind bekommen, würde sich an dieser Haltung nichts ändern. Unser Kind soll erfahren, dass es bedingungslos geliebt ist. Dabei macht das Geschlecht keinen Unterschied. Ein intergeschlechtliches Kind muss mehr noch als alle Anderen Selbstvertrauen entwickeln und lernen zu sich zu stehen. Diese bedingungslose Liebe darf nicht nur ausgesprochen, sondern muss auch gelebt werden. Es muss von Beginn an erfahren, dass es nicht krank und falsch, sondern bunt und wunderbar ist. Wann immer jemand mit der Geschlechtsidentität ein Problem hat, ist nicht das Kind der Grund, sondern die politische Weltanschauung des Gegenübers. Ein intergeschlechtliches Kind braucht von der Gesellschaft den Zuspruch ein Zeichen der Vielfalt zu sein und wo das nicht geht, müssen wir als Familie mit umso besserem Beispiel vorangehen.
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