Reich Gottes – Die Herrschaft der Liebe

6–9 Minuten

Vor einigen Wochen habe ich versucht einigen Auffassungen christlicher Gruppierungen betreffend dem Reich Gottes zu widersprechen. Um nicht den Umfang des Blogposts zu sprengen, blieb es auch dabei. Was genau meiner Auffassung nach «Reich Gottes» ist, habe ich nicht weiter thematisiert. Wohl aber darauf hingewiesen, dass in der kommenden Woche ein weiterer Post zu ebendiesem Thema folgt. Da ADHS-bedingt meine Zuverlässigkeit eher etwas zu wünschen übriglässt, ist es nun eben ein Monat geworden. Was also ist denn das Reich Gottes? Viele Aussagen und Haltungen habe ich, wie sollte es anders sein, aus einigen Worthaus Vorträgen.

Foto von Florian Wehde auf Unsplash

Der Ursprung des «Reich Gottes»

Die Vorstellung eines Reiches, in welchem Gott regiert, beziehungsweise die Herrschaft ausübt, ist keineswegs eine Christliche. Sie stammt aus dem Judentum. Genauer aus dem Judentum, welches das Babylonische Exil erlebt. Teile der jüdischen Bevölkerung, hauptsächlich die einflussreiche Elite, wurde nach zahlreichen Eroberungen vom assyrischen Reich verschleppt. Die israelitische Bevölkerung litt unter diesem Ereignis in vielerlei Hinsicht. Entwurzelung aus einer Gesellschaft und Position, Hunger, Verbannung, Kriegsleiden und Unterdrückung sind längst noch nicht alles. Dabei kam oft die Frage auf, ob Gott sie nun verlassen hätte. Die Vorstellung, dass Gott trotz allem treu bleibt und die Gerechtigkeit wieder herstellen wird, erwuchs also aus der Hoffnung heraus. Es war die Hoffnung, dass alles Leiden und die Unterdrückung ein Ende finden wird. Ein wichtiger Grundsatz, welchen wir nicht vergessen sollten, wenn wir vom Reich Gottes sprechen.

Reich Gottes und Gott als Vater

Jesus verwendet in seinen Reden oft den Begriff vom Reich Gottes. Dabei kannten wohl die meisten Hörerinnen und Hörer diesen Ausdruck. Er ist der damaligen Gesellschaft nicht fremd. Neben dem Reich Gottes spricht Jesus oft von Gott als «Vater». Diese beiden Themen; also Reich Gottes und Gott als Vater, bilden die beiden Kernpunkte der Reden und auch des Handelns Jesu. Siegfried Zimmer stellt fest, dass die beiden Haltungen nicht voneinander zu trennen sind. Diesen Zusammenhang kann man in den ersten Zeilen des weitbekannten Unser-Vater Gebet gut erkennen.

So also betet.
Du, Gott, bist uns Vater [und Mutter] im Himmel,
dein Name werde geheiligt.
Deine gerechte Welt komme.
Dein Wille geschehe

Matthäus, 6, 9-10 – Bibel in gerechter Sprache

Anders als beim Begriff «Reich Gottes», war der Vater-Begriff für Gott weitgehend unbekannt. Die wenigen Vater-Bezeichnungen waren durch und durch gesellschaftlich geprägt. Sie betonten autoritäre Züge Gottes und stellten diese in den Fokus. Die antike Gesellschaft der damaligen Zeit war noch patriarchaler geprägt als heute. Die Herrschaft eines Vaters über das gesamte Haus, inklusive der Sklaven, Kinder und Frauen wurde als naturgegeben betrachtet. Durch den Vater wurde die Herkunft bestimmt und das ganze Wissen weitergegeben. Jesus verwendet allerdings eine Bezeichnung für Vater, die im Gottesbezug neu war. Die aramäische Bezeichnung abba, entspricht nicht den hierarchischen Vaterbildern. Vielmehr ist es eine liebevolle Bezeichnung eines Kindes. Man könnte es in etwa so vergleichen: Wenn Vater die patriarchale Vorstellung eines Hausherrn ist, ist abba der emotional nahe liebende «Papa». Man kann also Gottes «Herrschaft» nicht mit dem patriarchalen Bild eines Vaters begründen, sondern durch die emotional liebende Begleitung eines Papas. Reich Gottes geht nicht ohne abba.

Reich Gottes als die Herrschaft der Liebe

Folgt man dieser Schlussfolgerung, ergibt sich für das Reich Gottes eine wichtige Haltung: In Gottes Reich wird nicht gewaltsam mit Autorität regiert und bestraft. Gott regiert nicht mit Autorität, sondern mit Liebe. Unsere Vorstellungen einer «Herrschaft» entsprechen nicht der göttlichen. Viele unserer Vorstellungen an ein Reich oder eine Herrschaft werden im Reich Gottes völlig auf den Kopf gestellt. Hier einige Punkte die ich im Anschluss gerne erläutere.

  • Es gibt keinen Reichtum mehr
  • Macht und Status haben keine Bedeutung mehr
  • Es gibt keine gesellschaftlichen Rollen mehr
1. Es gibt keinen Reichtum mehr

Jesus Worte sind bis heute Messerscharf. Gerade wenn sie Reichtum und Armut ansprechen:

Es ist leichter für ein Kamel, durch ein Nadelöhr hindurchzukommen, als für Reiche, in Gottes Reich hineinzugelangen

Markus, 10, 25 – Bibel in gerechter Sprache

In Gottes Reich spielt Reichtum keine Rolle mehr. Es gibt zahlreiche Gleichnisse und Erzählungen von Jesus, welche darauf hindeuten, dass Reichtum und die damit verbundene Habgier im Reich Gottes keinen Platz haben. Jesus geht sogar so weit, eine weitverbreitete gesellschaftliche Wahrheit umzudrehen: Die meisten von uns sehen es: Geld regiert die Welt. Reiche sind nicht nur wohlhabender, sondern auch einflussreicher. Das war damals so und ist es heute leider immer noch. In den Seligpreisungen kehrt Jesus bereits im ersten Satz diese Vorstellung um:

Er richtete seinen Blick auf seine Jüngerinnen und Jünger und sprach:
»Glücklich seid ihr Armen, denn die Königsmacht Gottes ist auf eurer Seite!

Lukas, 6, 20 – Bibel in gerechter Sprache

Einige Bibelübersetzungen übersetzen die Passage sogar mit: «ihnen gehört das Reich Gottes». In Gottes Reich heisst es eben nicht mehr: «Geld regiert die Welt». Nein, die Armen nennen dieses Reich ihr Eigen.

2. Macht und Status heben keine Bedeutung mehr

Ebenso kehrt Jesus die Vorstellung gesellschaftlicher Hierarchien um. Als Jesus von seinen Jüngerinnen und Jüngern gefragt wird, wer denn der Grösste unter ihnen sei, antwortet er mit folgendem Satz:

Jesus rief sie heran und sagte: »Ihr wisst, dass die Herrschenden der Völker ihre Herrschaft missbrauchen und die Großen ungerechte Gewalt über die Völker ausüben. So soll es bei euch nicht sein. Wer bei euch groß sein will, soll euch dienen, und wer den ersten Platz einnehmen will, soll euch Sklave oder Sklavin werden.

Matthäus, 20, 25 – 27 – Bibel in gerechter Sprache

Einmal mehr; Jesus lässt es nicht beim Widerspruch gesellschaftlicher Vorstellungen sein – Er kehrt sie um! Wer im Reich Gottes Macht und Status haben will, schafft das nur dadurch, anderen zu dienen. Die Hierarchie des Reich Gottes ist fundamental unterschiedlich zu den Vorstellungen dieser Welt.

3. Es gibt keine gesellschaftlichen Rollen mehr

Der dritte und letzte Punkt ist die Vorstellung der gesellschaftlichen Rollen. Ähnlich wie bei Macht und Status, ändert Jesus die Rollenbilder diametral.

und sagte: «Wahrhaftig, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in Gottes gerechte Welt hineingelangen.»

Matthäus, 18, 3 – Bibel in gerechter Sprache

Um in das Reich Gottes zu gelangen, müssen wir werden wie die Kinder. In der antiken Gesellschaft, welche sich die Worte Jesu richten, ist die Rolle des Kindes so gut wie unbedeutend. Fruchtbarkeit und Nachwuchs sind zwar ein grosser Segen, das Kind an sich aber noch wertlos und machtlos. Es wird noch nicht als vollwertigen Menschen betrachtet. Mensch ist das Kind erst dann, wenn es herangewachsen ist. Genau diese Rolle sollen wir einnehmen. Meiner Meinung nach kann das für das Bild des Reich Gottes zwei Dinge bedeuten: Entweder, wir spielen alle keine Rolle mehr; oder unsere Rollenvorstellungen spielen keine Rolle mehr. Müssen wir alle unbedeutend werden, beziehungsweise sind es das im Reich Gottes? Oder machen wir einfach keinen Unterschied wem welche gesellschaftliche Rolle zugesprochen wird? Erinnern wir uns an die einleitend erklärte Parallele zwischen Gottes Reich und abba: In Anbetracht eines Gottesbildes, welches diesem «abba» entspricht, kann ich nur die zweite Aussage nachvollziehen. Rollenbilder unserer Gesellschaft werden schlicht egal sein. Wie es Paulus an die Gemeinde in Galatien so schön schreibt:

Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus.

Galater, 3, 28 – Bibel in gerechter Sprache

Reich Gottes im Hier und Jetzt

Abschliessend möchte ich auf die zeitliche Dimension eingehen, die Jesus für das Reich Gottes im Auge hat. Das Reich Gottes ist nicht eine blosse Verheissung für die Zukunft, es besteht in der Gegenwart. Es ist auch nicht eine Hoffnung allein für die «richtigen» Christinnen und Christen. Es ist die Hoffnung auf eine gerechte und solidarische Gesellschaft. Für alle. Ich bin überzeugt: Wo Gott regiert, regiert die Liebe. Und wo die Liebe regiert, leben wir in Frieden und Gemeinschaft. Es ist aber nicht eine utopische Vorstellung für die Ewigkeit, sondern der Auftrag dieses Reich Gottes in die Welt zu bringen die mir Mut und Hoffnung macht:

noch werden die Leute zu euch sagen: «Seht, da oder dort drüben.‹ Merkt: die Königsmacht Gottes ist nämlich mitten unter euch!»

Lukas, 17, 21 – Bibel in gerechter Sprache

Die Vorstellung einer solchen Gesellschaft hat viele Theologinnen und Theologen bewegt. Sie sahen und sehen bis heute in gesellschaftlichen Vorstellungen des Sozialismus diese Voraussetzungen gegeben. Bekannte Theologinnen und Theologen wie Dorothee Sölle, Leonhard Ragaz oder Karl Barth kamen allesamt zu dieser Überzeugung. Gerechtigkeit und Solidarität erhalten wir durch soziale Gerechtigkeit. Reichtum und Armut bekämpfen wir durch die Überwindung des Kapitalismus. Die Auflösung der gesellschaftlichen Rollenbilder erreichen wir durch die feministische Bekämpfung des Patriarchats. Diesen Vorstellungen schliesse ich mich an.

Ich bin aus tiefer Überzeugung politisch Links. Ich bin überzeugt, diese Ziele, die diese politische Strömung verfolgt entsprechen dem Reich Gottes. Und dieses will ich bauen. Politisch und mit Überzeugung aus Liebe zu den Menschen und der Gerechtigkeit.


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